{"id":30,"date":"2022-12-14T13:50:21","date_gmt":"2022-12-14T12:50:21","guid":{"rendered":"https:\/\/letrangerediefremde.wordpress.com\/?p=30"},"modified":"2022-12-14T13:50:21","modified_gmt":"2022-12-14T12:50:21","slug":"zwei-geschichten-uber-menschen-und-tauben-in-der-kalten-jahreszeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/letrangerediefremde.de\/?p=30","title":{"rendered":"Zwei Geschichten \u00fcber Menschen und Tauben in der kalten Jahreszeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\">Die Menschen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Es ist noch gar nicht so lange her, dass uns etwas sehr Eigenartiges passiert ist. Der Winter n\u00e4herte sich, die B\u00e4ume waren bereits nackt und erfroren in der bibbernden K\u00e4lte, und die Menschen fro \u2013 nein, sie waren in ihren Heizungskokons sicher eingebettet. Und wie wir in der K\u00fcche sa\u00dfen, beobachteten wir von Zeit zu Zeit zwei Menschen, die sich in unserem Garten aufhielten. Anscheinend hielten <a><\/a>sie den Kunstrasen f\u00fcr ein gem\u00fctliches Bett, denn unter dem Tisch kuschelten sie sich zusammen. Sie und er. Und ich war ganz hingerissen von diesem Spektakel, beobachtete die beiden, wie sie sich einander W\u00e4rme spendeten, wie sie ihre Schichten aufteilten, um ihr neues Zuhause zu bewahren. Ich bemerkte dabei, dass ihm ein Fu\u00df fehlte, er humpelte und hatte Schwierigkeiten, sich fortzubewegen. Aber ich beobachtete auch, dass meine Mitmenschen besorgt wurden. Es wurde ihnen zu viel, man konnte nicht mehr nach drau\u00dfen gehen, wenn die beiden Menschen dort waren! Doch gingen sie nicht raus, denn drau\u00dfen kratze die K\u00e4lte auf der Haut. Ich \u00fcberredete sie, aus dem Interesse heraus, weiter mein P\u00e4rchen beobachten zu k\u00f6nnen, dass sie bleiben k\u00f6nnten, was ihren Aufenthalt schlie\u00dflich nur um ein paar Tage verl\u00e4ngerte. Denn als wir den F\u00f6tus unter dem Tisch entdeckten, war es zu viel. \u201eTio mio, lo siento pero no pode\u00eds quedarvos!\u201c, sagt sie, zog sich an und wickelte den warmen F\u00f6tus in ein K\u00fcchentuch ein. \u201eWas tun wir jetzt damit?\u201c, fragte ich sie. Wir waren ratlos. Ich konnte nicht zusehen, konnte mir gar nicht vorstellen, was gerade passierte, vorstellen, dass wir gerade das Baby meiner Menschen wegnahmen. Das sie beh\u00fctet haben, um das sie sich k\u00fcmmerten. Doch f\u00fcr sie stand die Entscheidung fest. Bei den M\u00fclltonnen auf der Stra\u00dfe konnte man es verstecken, vielleicht w\u00fcrden die Eltern es dort finden, versuchte sie mich zu beruhigen. Doch ich war aufgel\u00f6st. Als ich kurz darauf, als das Baby entsorgt war, wieder durch das K\u00fcchenfenster blickte, sah ich die beiden, suchend, mich anschauend, ich sah die Trauer in ihren Augen. Ich hab es nicht. Ich war es nicht, versuchte ich ihnen verst\u00e4ndlich zu machen. Doch alles was ich in ihren Augen sah, war Verst\u00e4ndnislosigkeit. Die Wochen danach kamen sie immer wieder, mehrmals am Tag. Ich war es nicht, was h\u00e4tte ich tun sollen, sagte ich. Und nach dem Winter sah ich sie nie wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Die Tauben<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Es ist widerlich, es macht diese Stadt zu einem dreckigen Fleck auf der Karte und zeigt, wie weder die Stadt noch die Leute das Taubenproblem hier meistern k\u00f6nnen. Anfangs sah man sie noch unter den Br\u00fccken, in den Ecken, dort wo niemand hinzugehen vermochte. An den dreckigsten Orten, wo es stank und weder Licht noch Regen hineindrangen. Genau dort hatten sie sich ihr Nest gebaut. Sei es, weil es stank, sei es, dass sie selbst den elendigen Geruch verbreiteten, es ist einfach nur widerlich. Und weil es gerade einer der Hauptwege ist, so ist es nicht selten, dass man sie sieht. Die Tauben, in ihren Nestern aus M\u00fcll und Dreck. Verwahrlost und elendig. Krank und verwundet. Sie geben \u00e4chzende Ger\u00e4usche von sich, manchmal schlafen sie auch einfach nur. Doch wenn sie nicht besch\u00e4ftigt sind, sp\u00fcrt man ihre Blicke auf sich ruhen. Die erwartungsvollen Blicke, begierig darauf, dass man ihnen ein St\u00fcckchen Brot hinwirft, sogleich verschlingend im wilden Ansturm. Wie kann die Stadt es nur zulassen, dass Tauben in dieser Lage leben, dass die Promenade so verunstaltet wird? Wie tief sind wir gesunken? Aber wenn es doch nur bei der Promenade bleiben w\u00fcrde. Auch in der Stadt sieht man sie. Sie sind j\u00fcnger, doch tummeln sie sich an der Kirche, an der S-Bahn Haltestelle zusammen, immerzu in Gruppen. Wahrscheinlich wohnen sie nicht unter Br\u00fccken aber zeigen, dass die Stadt nicht in der Lage ist, das Taubenproblem zu l\u00f6sen, dass ihnen an Empathie mangelt, sie zu versorgen. Jetzt, wo es k\u00e4lter wird sehe ich sie sogar fast t\u00e4glich unter der Unterf\u00fchrung vor meiner Haust\u00fcr. Tauben in ihren Nestern aus M\u00fcll, friedlich schlafend. Ich w\u00fcrde sie gerne darauf aufmerksam machen, dass sie meinetwegen bei uns im Hausflur die eisige Nacht verbringen k\u00f6nnten, doch wei\u00df ich, dass das nicht nur dem Vermieter zuwider kommt, sondern zudem einen Ansturm ausl\u00f6sen w\u00fcrde, dann w\u00fcrden n\u00e4mlich alle Tauben kommen, angelockt von der Heizung, dem Schutz, meiner Gutm\u00fctigkeit. Sie w\u00fcrden alle bei uns im Flur ihr Lager aufschlagen wollen, ihren Geruch und Dreck bei uns in die W\u00e4nde eingravieren. Und das will der Vermieter nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Menschen Es ist noch gar nicht so lange her, dass uns etwas sehr Eigenartiges passiert ist. 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